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MITGEDACHT | Der Podcast für soziale Fragen

Der MITGEDACHT-Podcast des FeG Gesprächskreises für soziale Fragen widmet sich in fünf Folgen dem Thema „Umkämpfte Demokratie“.

Zu den Podcast-Folgen

Verschwörungstheorien, Demokratie und politisches Engagement

Der Gesprächskreis für Soziale Fragen (GSF) bringt Impulse für politische Fragen in Gemeinde und persönlichen Glauben

Konstantin von Abendroth, Wolfgang Thielmann und Karl-Heinz Espey

Es sind Großcousins, Tanten und manchmal Schwester und Bruder: Die Corona-Impfung stößt auch auf Ablehnung und Gegenwehr. Der Riss geht durch Familien und auch durch Gemeinden, auch wenn die Kritiker eine kleine Gruppe sind. Mitunter sprechen sie von Freiheitsberaubung und greifen zu Theorien, die versteckte, unkontrollierte Mächte am Werk sehen. Sie sehen sich ausgegrenzt, wenn Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen nur noch für Geimpfte und Genesene offen sind, und bezeichnen Gemeinden, die staatlichen Vorgaben folgen, als Einfallstor für antichristliche Einflüsse. Manche lehnen Mund-Nasen-Schutz als „Teufelsmaske“ ab. Die Kritik geht weiter: Freiheit und Demokratie werden nach ihrer Ansicht in Deutschland schleichend oder offen abgeschafft. Dahinter, heißt es, stecke ein Plan. Gespräche enden oft enttäuschend: Man kann sich nicht einmal auf Fakten einigen. Dadurch sehen sich die kritischen Stimmen ausgegrenzt. Ihre Argumentation radikalisiert sich. Sie berufen sich auf Informationsquellen im Netz. Die „Staatsmedien“ seien gelenkt und berichteten bestenfalls die halbe Wahrheit. Die Ablehnung des Staates, in dem sie leben, geht ins Grundsätzliche.

Wie kann man in Kontakt bleiben, wenn die Gesprächspartner an Verschwörungserzählungen glauben und der Versuch erst einmal scheitert, einander zu überzeugen? Diese Arbeitshilfe will vor allem freikirchliche Christinnen und Christen dabei unterstützen, Verschwörungstheorien und Hassrede in ihrer Umgebung zu erkennen. Sie zeigt, welche Haltung Christen zur Demokratie einnehmen und welche Gründe es gibt, sich im Staat und für den Staat zu engagieren. Und warum es wichtig ist, gegen Verschwörungstheorien und die mit ihnen oft einhergehende Abneigung gegen Überzeugungen der Mehrheit, die zur Hassrede wird, anzugehen. Denn sie gefährden die Gemeinschaft in Gemeinden und den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Weitere Hintergründe der Arbeitshilfe

In den Anfangsmonaten der Pandemie traten größere Corona-Ausbrüche mitunter bei freikirchlichen Gemeinden auf. Meist handelte es sich dabei um Gemeinden, die keiner Kirche angehörten. Sie schlugen staatliche Vorgaben in den Wind. Mitunter fühlten sie sich durch staatliche Einschränkungen daran gehindert, sich nach ihren Vorstellungen zu versammeln und Gott zu loben.

2021 schrieb die Leitung des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden ihren Mitgliedsgemeinden, sie sehe keine Anzeichen für eine Christenverfolgung in Deutschland. Sie reagierte damit auf Befürchtungen, die bei Mitgliedern in ihrem Bund entstanden waren, der Staat würde die Ausübung ihres Glaubens beschneiden. Liegt hier der Anfang einer Verschwörungstheorie?

Und sind freikirchliche Christen überdurchschnittlich empfänglich für solche Befürchtungen und für eine Abgrenzung vom Staat? Die renommierten Soziologen Detlev Pollack und Carolin Hillenbrand sehen das so. Sie haben Anfang 2021 eine Untersuchung des Exzellenzclusters Religion und Politik an der Universität Münster durchgeführt – nicht repräsentativ; das bedeutet: die Zusammensetzung der Teilnehmenden spiegelte nicht ihre Anteile an der Gesamtgesellschaft. Die Untersuchung zeigt also nicht Anteile, sehr wohl aber Einstellungen und Tendenzen in den jeweiligen Gruppen. In ihrem Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Januar 2021 vertreten Pollack und Hillenbrand die Ansicht, dass „diejenigen, die sich dem freikirchlich-evangelikalen Spektrum zuordneten, als besonders empfänglich für verschwörungstheoretische Ideen erwiesen haben.“ Zugleich sehen die beiden Forscher ein hohes Polarisierungspotenzial im freikirchlich-evangelikalen Spektrum.

  • Die Autorin und die Autoren dieser Arbeitshilfe schätzen die Gefährdung freikirchlicher Gemeinden unterschiedlich ein. Aber gemeinsam sind sie überzeugt:
  • Christen und ihre Gemeinden haben gute Gründe, ein positives Verhältnis zum Staat des Grundgesetzes zu finden und ihn mitzugestalten.
  • Es ist wichtig, sich auf der Basis des Glaubens für den Staat zu engagieren, und glücklicherweise sind Mitglieder aus Freien evangelischen Gemeinden politisch aktiv.
  • Und es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, Verschwörungstheorien und Hassrede zu erkennen und ihnen entgegenzutreten – und zugleich alles zu versuchen, um niemanden auszugrenzen. Damit weiß sich der Gesprächskreis einig mit dem 2020 veröffentlichten Grundlagentext der Bundesleitung „Das Evangelium Gottes von Jesus Christus“ zum Verständnis des Evangeliums im Bund Freier evangelischer Gemeinden.

In fünf Beiträgen hat die Arbeitsgruppe des Gesprächskreises für soziale Fragen das Thema weiterverfolgt:

Engagieren

Wie freikirchliche Christinnen und Christen sich politisch engagieren

Ein Text von Matthias Ehmann

Mit gesellschaftspolitischen Herausforderungen weise und menschenfreundlich umzugehen und unseren Staat gut weiterzuentwickeln, das ist in erster Linie Aufgabe von Politikerinnen und Politkern, die stellvertretend für Bürgerinnen und Bürger handeln. Matthias Ehmann hat zusammengestellt, in welche politischen Bezüge Freie evangelische Gemeinden eingebunden sind. Er forscht als Lehrbeauftragter an der Theologischen Hochschule Ewersbach zum Verhältnis von Glaube und Gesellschaft und ist selbst politisch engagiert.

Ebenen politischer Aktivität | Matthias Ehmann

Ebenen politischer Aktivität von Christinnen und Christen im Kontext Freier evangelischer Gemeinden heute

Viele Personen in evangelischen Freikirchen und im pietistisch-evangelikalen bis pfingstkirchlich-charismatischen Spektrum des Protestantismus in Deutschland haben konkrete und aktive Berührungspunkte mit politischen Willensbildungsprozessen. Anderen Personen erscheint dieser Bereich gesellschaftlichen Lebens jedoch fern von der eigenen Wirklichkeit. Dies kann auf eine bewusste, religiös begründete Abgrenzung gegenüber gesellschaftlichen Beteiligungsprozessen oder aber auf eine unreflektierte und nicht bewusst herbeigeführte Fremdheit gegenüber politischer Beteiligung zurückzuführen sein. Dies betrifft über Einzelpersonen hinaus auch christliche Gemeinden als Ganze. Sie sind an vielen Orten natürlicher Teil des Sozialraums, prägen die Bürgergesellschaft mit und tragen in unterschiedlicher Ausprägung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Gemeinden schaffen ebenso Raum für Diskurse unterschiedlicher Positionen als auch für verbindende soziale Beziehungen. Dies sind wesentliche Ressourcen, welche sie in die Gesellschaft einbringen.  

Diese Übersicht will verschiedene Ebenen gesellschaftlich-politischer Beteiligung im liberalen Verfassungsstaat und einer freiheitlich-demokratischen Bürgergesellschaft aufzeigen.  

Beteiligung an Wahlen auf verschiedenen Ebenen

  • Wählen als selbst auferlegte „Bürgerpflicht“, auch für Christinnen und Christen.
  • Wahl der Partei, welche den eigenen Interessen und Werten entspricht (und eine realistische Machtoption hat).
  • Wahl setzt politische Bildung, gesicherte Information und kritische Meinungsbildung voraus.

Bürgerschaftliches Engagement

  • Das politische Feld beginnt auch in einer parlamentarischen Parteiendemokratie nicht erst dort, wo unmittelbar Parteien beteiligt sind.
  • Dahinter steht das Ideal einer demokratischen Gesellschaft, nicht nur eines demokratischen politischen Systems.
  • Hier sind viele Menschen engagiert, auch Kirchen gehören als Akteure der Zivilgesellschaft zum demokratischen System, wie andere Glaubensgemeinschaften auch.

Gesellschaftlich-politische Initiativen

  • Während sich viele Akteure der Zivilgesellschaft (Kirchen, Vereine usw.) nicht auf Grund einer bestimmten politischen Überzeugung zusammengeschlossen haben, gibt es viele Akteure, welche dezidiert gesellschaftlich-politische Interessen vertreten (Gewerkschaften, ADAC, Greenpeace, IJM, usw.).
  • Auch hier können sich Christinnen und Christen auf Grund ihres christlichen Ethos und eigener gesellschaftlich-politischer Interessen engagieren.
  • Grundlegend sollte man sich als Christin und Christ fragen, ob die Ziele der Initiative zum eigenen christlichen Ethos passen.
  • In der entsprechenden Einschätzung werden Christinnen und Christen in einem ehrlichen Ringen zu unterschiedlichen – vielleicht sogar gegensätzlichen – Überzeugungen gelangen.

Persönlicher Kontakt zu Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern

  • Viele Christinnen und Christen sind durch verschiedenste soziale Kontakte in ihrem Alltagsleben mit Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern – meist der kommunalen Ebene – bekannt, andere haben jedoch gar keinen Kontakt
    und daher auch keinen Einblick in ihre Tätigkeit.
  • Einige Christinnen und Christen kennen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern aus der eigenen Gemeinde; hier wäre zu fragen, inwieweit deren Engagement als christlich motiviertes Engagement wahrgenommen wird.
  • Einige Christinnen und Christen suchen den persönlichen Kontakt zu Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern, um entweder für sie und teils mit ihnen zu beten oder ihnen ihre Interessen mitzuteilen.

Organisierter kirchlicher Kontakt zu Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern

  • Kirchen suchen auf unterschiedlichsten Ebenen den Kontakt zu Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern, um konkret für sie beten zu können und sie teilweise seelsorglich zu begleiten. Darüber hinaus bringen sie die Interessen benachteiligter Gruppen ein und vertreten auch die kirchlichen Positionen und Interessen im Meinungsbildungsprozess der Parlamentarierinnen und Parlamentarier.
  • Teilweise versuchen Kirchen auch, eine Plattform für den Dialog von (potenziellen) Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern mit der Zivilgesellschaft zu sein. Dies geschieht etwa in Akademien oder in Talkrunden vor Wahlen, welche meist von Ortsgemeinden durchgeführt werden. Dabei treten Kirchen teils als neutrale Vermittler, teils als Akteure mit eigenen Interessen auf.
  • Teilweise kommen auch Mandatsträgerinnen und Mandatsträger bzw. Vertreterinnen und Vertreter der Exekutive auf Kirchen zu, um mit ihnen über gesellschaftlich-politische Belange zu sprechen. Besonders in Extremsituationen – etwa nach schweren Unglücken – bitten Vertreterinnen und Vertreter des Staats Religionsgemeinschaften um symbolische Mitwirkung oder führende Gestaltung öffentlicher Veranstaltungen, z.B. von Trauerfeiern.

Überkirchlich-verbandlicher Kontakt zu Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern

  • Auf unterschiedlichen Ebenen schließen sich Kirchen zusammen, um die Interessen benachteiligter Gruppen sowie ihre institutionellen Eigeninteressen gegenüber der Politik zu vertreten.
  • Für Freie evangelische Gemeinden geschieht dies beispielsweise über die Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK), die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) und die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), teilweise mit dezidiert dafür angestelltem Personal.
  • Darüber hinaus ist der BFeG in verschiedene Netzwerke eingebunden, welche im Kontakt mit der Politik bzw. mit Behörden – etwa für Mittelzuweisungen – stehen. Dies betrifft beispielsweise den Bereich der Diakonischen Werke oder die FeG Jugend, welche über die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland (aej) mit dem Familienministerium in Kontakt steht und von dort auch Bundesmittel erhält.
  • Diese überkirchlich-verbandlichen Strukturen sind selbst meist demokratisch aufgebaut und Vertreterinnen und Vertreter der Freien evangelischen Gemeinden haben dort Sitz und Stimme.

Neben diesen politischen Feldern im weiteren Sinn gibt es für Christinnen und Christen die konkrete Möglichkeit Mitglied in gesellschaftspolitischen Vereinigungen und Parteien zu werden und auch selbst für gesellschaftliche Wahlämter und Parlamentsmandate zu kandidieren.

Mitgliedschaft und Mitarbeit in gesellschaftspolitischen Vereinigungen

  • Auf Grund ihres individuellen Verständnisses eines christlichen Ethos verbunden mit konkreten politischen Überzeugungen und Interessen setzten sich Christinnen und Christen aus Freien evangelischen Gemeinden in – sehr verschiedenen, teils gegensätzlichen – gesellschaftspolitischen Vereinigungen ein.
  • Dabei spielen offensichtlich die eigene Person und die gesellschaftliche Rolle neben den gemeinsamen – aber nicht immer gleich gedeuteten – christlichen Überzeugungen eine wesentliche Rolle.  Beispielhaft dafür kann etwa die Rolle als Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer oder als Arbeitgeberin und Arbeitgeber mit entsprechend unterschiedlichen verbandlichen Verortungen und Interessen genannt werden.
  • Das Engagement in gesellschaftspolitischen Vereinigungen ist aus Sicht einer liberalen Demokratie und Bürgergesellschaft zu begrüßen. Für Christinnen und Christen in Freien evangelischen Gemeinden ist dafür – wie in anderen Lebensfragen – das an das biblische Zeugnis vom Evangelium in Jesus Christus gebundene Gewissen des bzw. der Einzelnen entscheidend.

Mitgliedschaft und Mitarbeit in politischen Parteien

  • Auf Grund ihres individuellen Verständnisses eines christlichen Ethos verbunden mit konkreten politischen Überzeugungen und Interessen setzen sich Christinnen und Christen aus Freien evangelischen Gemeinden in – sehr verschiedenen – politischen Parteien ein.
  • Dabei ist zu beachten, dass Mitgliedschaft und Mitwirkung in einer politischen Partei nicht automatisch die Übereinstimmung mit allen politischen Positionen und Aktionen der Partei voraussetzt. Gerade die Tradition der Volksparteien versucht unterschiedliche Strömungen in einem durch innerparteiliche Demokratie herbeigeführten Kompromiss widerzuspiegeln und in politisches Handeln zu übersetzen. Christinnen und Christen werden – wie auch andere Parteimitglieder – fast nie mit allen Positionen der Partei übereinstimmen, in welcher sie Mitglied sind. Aus diesem Grund gibt es aus kirchlicher Sicht auch keine „christlichen“ Parteien.
  • Das Engagement in Parteien ist in einer liberalen Demokratie und Bürgergesellschaft, genau wie das Engagement in gesellschaftspolitischen Vereinigungen, zu begrüßen. Dieses Engagement ist Grundlage für das Funktionieren einer parlamentarischen Parteiendemokratie und damit für das Gemeinwohl. Für Christinnen und Christen in Freien evangelischen Gemeinden ist auch für ihr Engagement in Parteien – wie in anderen Lebensfragen – das an das biblische Zeugnis vom Evangelium in Jesus Christus gebundene Gewissen des bzw. der Einzelnen entscheidend. Darüber hinaus prägen individuelle Überzeugungen und Interessen das jeweilige Engagement.

Kandidatur und Übernahme von Wahlämtern und Mandaten

  • Eine liberale Demokratie mit einer lebendigen Bürgergesellschaft besetzt nicht nur Parlamente der unterschiedlichen Ebenen durch Wahlen, sondern versucht auch im weiteren gesellschaftlichen Feld Macht durch Wahlen legitim zu verteilen.
  • Auch Christinnen und Christen streben legitimer Weise durch Kandidaturen für Wahlämter nach dieser Macht. Dabei sind sie durch ihren Glauben verpflichtet, die so möglicherweise zugesprochene Macht für das Gemeinwohl, für die von ihnen Vertretenen und in besonderer Weise für marginalisierte Gruppen einzusetzen und nicht nach rein eigennützigem Gewinn und illegitimem Vorteil zu streben.
  • In der Ausführung ihrer Wahlämter (z.B. in Elternbeiräten, Jugendräten, Vereinsvorständen u.a.) sollen Christinnen und Christen danach streben sowohl im Modus ihres politischen Handelns ein christliches Ethos umzusetzen als auch auf inhaltlicher Ebene christliche Überzeugungen in einen Kompromiss einzubringen.
  • Gemeinden, Kirchen und kirchliche Vereinigungen sollten ihre Mitglieder zur Übernahme von Wahlämtern ermutigen und ihnen in dieser gesellschaftlichen Aufgabe ggfs. seelsorglich und mit Fürbitte zur Seite stehen.
  • Eine parlamentarische Parteiendemokratie lebt nicht nur davon, dass Menschen wählen (aktives Wahlrecht), sondern auch davon, dass Menschen sich zur Wahl in Parlamente stellen (passives Wahlrecht).
  • Genau wie bei gesellschaftlichen Wahlämtern, sollten Christinnen und Christen auch dazu bereit sein, Mandate in Parlamenten auf allen Ebenen des Staates zu übernehmen. Die Ausführung dieser parlamentarischen Mandate sollte dabei ebenso wie bei den gesellschaftlichen Wahlämtern auf den Glauben bezogen sein. Gemeinden, Kirchen und kirchliche Vereinigungen sind aufgerufen, Mandatsträgerinnen und Mandatsträger in gleicher Weise zu ermutigen und zu begleiten.

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Fragen für ein Gruppengespräch

  1. Welche Berührungen hattest du in deiner Kindheit / Jugend / Familie mit Politik?
  2. Inwieweit liegt dir „politisches Handeln“ nah, inwieweit eher fern?
  3. Welche Möglichkeiten politischem Engagements aus dem Text von Matthias Ehmann waren für dich neu?
  4. In Gemeinden sind alle Menschen willkommen, egal welche politische Überzeugungen man hat.
    Stimmt dieser Satz deiner Meinung nach? Was findest du daran herausfordernd, was besonders stark?
  5. Welchen Bibelvers würdest du einer Politikerin oder einem Verantwortlichen in unserer Gesellschaft oder Nachbarschaft zusprechen?
  6. Für welche Organisation, für welche Personen des öffentlichen Lebens könnte es Dir ein Anliegen werden zu beten?

Aufdecken

Verschwörungstheorien isolieren

Ein Ratgeber von Oriana Marie Krüger

Christinnen und Christen gehen mit Dingen um, die letztlich nicht erklärbar sind. Um so wachsamer müssen sie sein, wo sie selbst oder Glaubensgeschwister in die Gefahr geraten, Verschwörungstheorien zu verharmlosen. Durch die Corona-Pandemie sind sie bekannter geworden, ihre Gefahren vor allem für Jüdinnen und Juden sind aber schon Jahrhunderte alt. Was sich hinter Verschwörungstheorien verbirgt und wie Gemeinden damit umgehen können, erklärt Oriana Marie Krüger. Sie forscht über das Thema in Berlin.

Die Gefahr der Verschwörung | Oriana Marie Krüger

Verschwörungstheorien – Merkmale, Gefahren und wie man reagieren kann

Warum ist es so wichtig, sich mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen? 

9/11 war ein „Inside-Job“ und eigentlich von der CIA geplant, J.F. Kennedy lebt noch und die Mondlandung war ein Fake- um viele große Ereignisse ranken sich die verschiedensten Verschwörungstheorien, wie sie umgangssprachlich genannt werden. Vor allem seit dem letzten Jahr, im Zuge der Corona- Pandemie, haben sie immer mehr Zulauf gewonnen und ein massives Mobilisierungspotenzial bewiesen. Monatelang fanden Demonstrationen statt, die sich zunächst meist gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus richteten, auf denen jedoch oftmals Verschwörungstheorien verbreitet wurden. 

Gibt es Verschwörungstheorien also erst seit Corona? 

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (durchgeführt Oktober 2019 bis Februar 2020) zum Glauben an Verschwörungstheorien zeigt, dass bereits vor der Pandemie 30 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung in Deutschland der Aussage zustimmte, die Welt sei von geheimen Mächten gesteuert. 

Der Glaube an eine Verschwörung ist also nichts ungewöhnliches und auch kein neues Phänomen, das mit der Erscheinung des Internets Verbreitung gefunden hat. Beispielsweise wurden 1903 die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ entwickelt, eine antisemitische Hetzschrift, in der eine angebliche jüdische Weltverschwörung behauptet wurde. Obwohl diese „Protokolle“ bereits 1921 als Fälschung entlarvt wurden, finden sie bis heute Verwendung und werden in den verschiedensten Kontexten als „Beweismittel“ herangezogen. 

Was ist eine Verschwörungstheorie? 

Als eine Verschwörungstheorie bezeichnen Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem Buch „Fake Facts“ eine „Annahme darüber, dass als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und der Bevölkerung damit gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen.” 

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist in der wissenschaftlichen Debatte hoch umstritten, weil eine Theorie eine wissenschaftlich prüfbare Annahme – ganz im Gegensatz zu einer Verschwörungstheorie. Alternativ wird „Verschwörungsmythos/ -erzählung oder -ideologie“ verwendet, um genau diese Unwissenschaftlichkeit aufzuzeigen und weil es sich oftmals um ein geschlossenes Weltbild handelt – also eine Ideologie. Ich werde im Folgenden den am weitest verbreiteten Begriff „Verschwörungstheorie“ verwenden, wenn ich einzelne Erzählstränge meine. Geschlossene Weltbilder werde ich „Verschwörungsideologie“ nennen. 

Woran erkennt man eine Verschwörungsideologie? 

Den Verschwörerinnen und Verschwörern wird dadurch also eine Macht zugesprochen und die Welt wird klar in zwei Seite aufgeteilt: „wir“ gegen „die“, „gut“ gegen „böse“. Von einer Verschwörungsideologie kann dann gesprochen werden, wenn trotz Gegenbeweisen immer noch daran geglaubt wird, die Verschwörung also die Grundvoraussetzung weiterer Überlegungen ist und die eigenen Annahmen nicht mehr hinterfragt werden, sondern neue Ereignisse immer dem Ergebnis- also der Verschwörung- angepasst werden. 

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? 

Menschen glauben aus unterschiedlichen Gründen an Verschwörungstheorien. Diese sind zunächst einmal sinnstiftend und bieten Stabilität in einer sich ständig verändernden Welt. Menschen, die einen Kontrollverlust erleben (dazu zählt auch ein Kontrollverlust im privaten Bereich wie beispielsweise eine Trennung) neigen dazu, in Verschwörungstheorien einen Sinn zu erkennen. Lose Enden können zu etwas sinnvollem zusammen verbunden werden und es ist ein klarer Feind erkennbar. Außerdem wirken die eigenen Probleme oft gegenüber einer großen Verschwörung viel kleiner, sie entlasten also auch. 

Gibt es noch mehr Gründe? 

Ein weiterer Grund ist die eigene Aufwertung. Menschen, die ein verschwörungsideologisches Weltbild haben, bezeichnen sich selbst gern als „aufgewacht“, denn sie allein kennen die Wahrheit, während alle anderen als „Schlafschafe“ tituliert werden. Die vermeintliche Erkenntnis wertet das eigene Selbst, sowie die eigene Gruppe auf (Verschwörungsideologinnen und Verschwörungsideologen tauschen sich meist in Gruppen aus und fühlen sich auch diesen zugehörig). Die Vereinigung gegen einen gemeinsamen äußeren Feind stärkt zusätzlich das Gemeinschaftsgefühl. Manchmal dienen Verschwörungsideologien auch als „Ersatz-Religion“: sie geben Menschen Halt, denn es gibt jemanden oder eine Gruppe, der oder die das Geschehen lenkt. Wir Menschen streben generell danach, die Welt um uns herum zu verstehen. Je größer das Ereignis ist, desto größer, meinen wir, muss auch der Grund dahinter sein. 

Ab wann ist der Glaube an Verschwörungstheorien gefährlich? 

Problematisch wird es, wenn hinter allen Ereignissen klar Schuldige ausgemacht werden, in Verschwörungstheorien gibt es keinen Zufall. Da es sich bei Verschwörungsideologien um ein komplettes Weltbild handelt, sind sie meist immun gegen Kritik. Wer etwas dagegen sagt gehört entweder zu den Verschwörerinnen und Verschwörern oder ist eben noch nicht aufgewacht. 

Was macht den Glauben an Verschwörungstheorien gefährlich? 

Radikalisierung
Durch die klare Definierung der Schuldigen werden Feinbilder erschaffen, die das “absolut Böse” darstellen. Verschwörungstheorien sind aus diesem Grund Radikalisierungsbeschleuniger. Wissenschaft und Presse werden als verlängerter Arm des Feindes gesehen und häufig angegriffen. Wer nicht an die Wirksamkeit oder sogar die Existenz der Demokratie glaubt, wendet sich auch von demokratischen Mitteln ab und greift zu anderen Methoden. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Stürmung des US- Kapitols im Januar 2021. Hier lässt sich auch das hohe Gewaltpotenzial erkennen, das Verschwörungsideologien bergen. Menschen, die daran glauben, dass jemand ihnen Gewalt antun möchte, sind auch schneller dazu bereit, selber zu Waffen zu greifen, um sich zu „verteidigen“. So wird Gewalt legitimiert. Das Bundeskriminalamt hat unter dem Begriff „Corona“ vergangenes Jahr rund 3500 Gewalttaten erfasst, davon viele gegen Polizistinnen und Polizisten und Journalistinnen und Journalisten. 

Gesundheitliche Auswirkungen
Ebenfalls relevant bei der Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien im Zuge der Corona- Pandemie ist die Gefährdung der Gesundheit. Wer klassischen medizinischen Ansätzen wie Antibiotikum, Chemotherapie oder Impfungen misstraut, ist auch weniger bereit, diese in Anspruch zu nehmen. Das kann tödlich enden und ist nicht nur für die ungeimpfte Person gefährlich, sondern auch für andere, die von dieser Person angesteckt werden können. 

Was hat das alles mit Antisemitismus zu tun? 

Historisch
Wie bereits erwähnt, ist es problematisch, wenn klare Feinde definiert werden, denn es handelt sich hierbei um real existierende Menschen, die dem Hass ausgesetzt sind. In der Geschichte lässt sich ebenfalls beobachten, dass meist Jüdinnen und Juden als Verschwörerinnen und Verschwörer angeklagt wurden, die auf Grund dessen Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt waren. 

Strukturell
Auch die Struktur von Verschwörungsideologien weist eine große Parallele mit der Struktur des Antisemitismus auf. Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden nicht direkt benennt, aber meint und umschreibt, heißt struktureller Antisemitismus.

Der moderne Antisemitismus, das auf Projektionen basierende „Gerücht über die Juden“, kann an sich als Verschwörungsideologie gelesen werden. Sowohl Verschwörungsideologien als auch Antisemitismus sind allumfassende Weltbilder, in denen das “Böse” in der Welt personifiziert wird, kollektive Identitäten gebildet werden („wir“ und „die“) und „Gut“ und „Böse“ sich gegenüberstehen („wir“ GEGEN „die“). Sowohl beim antisemitischen Weltbild, als auch beim verschwörungsideologischen Weltbild werden die Verschwörerinnen und Verschwörer/ Jüdinnen und Juden als überlegen dargestellt, es wird ihnen also eine gewisse Macht zugesprochen, obwohl es sich um eine Minderheit handelt.

Verkürzte Kapitalismuskritik
Traditionell wurden Juden mit Handel assoziiert und auch im nationalsozialistischen Weltbild wurde zwischen „guter Arbeiter“ und „böser Kapitalist“ getrennt. Auch heute gibt es diese Verknüpfung von Juden und Kapitalismus noch, wenn Juden als kalte, gierige Kapitalisten dargestellt werden. Beispiele dafür sind die Bankiersfamilie Rothschild, die immer wieder als Verschwörer bezeichnet werden, oder der Milliardär George Soros. Aber auch wenn sie nicht ausformuliert werden, gibt es Chiffren, die zur Umschreibung genutzt werden wie beispielsweise „die Hochfinanz“, „die Globalisten“ oder auch „die Ostküste“. Diese verkürzte Kapitalismuskritik, die oft strukturell antisemitisch ist, können wir auch in politisch linken Strukturen erkennen, was sich auch an der Anhängerschaft von Verschwörungstheorien zeigt, die heterogene politische Einstellungen haben.

Dabei werden Juden nicht nur für die Mechanismen des Kapitalismus verantwortlich gemacht, sondern auch für Liberalismus und Kommunismus- also für komplett gegensätzliche Systeme. „Der Jude“ wird als Symbol für die Moderne gesehen und für alles damit verbundene verantwortlich gemacht.

Gefährdung von Jüdinnen und Juden
Die Vorstellung, dass „die Juden“ die Welt in ihrer Hand halten und kontrollieren würden, führt zu konkreten Angriffen auf Jüdinnen und Juden. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Attentäter von Halle, der im Jahr 2019 mit Waffengewalt versuchte, in einer Synagoge einen Massenmord zu begehen. Er hatte ein vollständiges verschwörungsideologisches antisemitisches Weltbild und sah in „den Juden“ das personifizierte Böse. 

Was hat das mit Christinnen und Christen zu tun? 

Auch Christinnen und Christen sind gegen diese Denkart nicht immun. Auch ist die Struktur, in „gut“ und „böse“ aufzuteilen, ihnen nicht fremd. 

Es gibt aber noch weitere Gründe, warum auch Christinnen und Christen, so wie viele andere in der Bevölkerung, an Verschwörungstheorien glauben. In Verschwörungstheorien werden oft Endzeitszenarien beschrieben und nicht selten wird auf
die Bibel hingewiesen. Das kann auch Christinnen und Christen anlocken, weil ihnen bekannte Bibelstellen verwendet werden. Viele Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker übernehmen in ihren Telegram-Channels christliche Rhetorik. Telegram ist ein Messengerdienst mit Sitz in Dubai, der als besonders verschlüsselt gilt und dafür bekannt ist, keine Inhalte zu löschen. 

Aus diesem Grund ist er besonders bei Verschwörungsgläubigen beliebt. Über diesen Messenger verbreiten sie auch konkret Gebete, in denen sie um Bewahrung vor dem „Bösen“ (in diesem Fall ist damit die Regierung und die sogenannte „Elite“ gemeint) bitten, obwohl sie vor ihrer Karriere als bekannte Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker keinen Bezug zum Glauben hatten. Es lässt sich beobachten, wie der christliche Glaube verwendet wird, um gegen „die da oben“ aufzuhetzen.

 

Was kann ich dagegen unternehmen? 

Um gegen Verschwörungstheorien anzugehen, gibt es keine Zauberformel. Besonders wichtig ist es zunächst zu erkennen, ob es sich überhaupt um eine Verschwörungstheorie handelt. Wenn man also glaubt, man ist mit einer Verschwörungstheorie konfrontiert, sollte man immer nachprüfen: wer behauptet das? Welche Expertise hat diese Person? Gibt es Belege? Lassen sich die Belege prüfen? Wer hat das veröffentlicht? Was wird sonst noch auf dieser Plattform veröffentlicht? Was sagen Expertinnen und Experten zu dem Thema? 

Wie kann ich gut auf Verschwörungstheorien reagieren? 

Debunking
Um einer Person, die an Verschwörungstheorien glaubt, zu helfen, ist es wichtig, früh ein persönliches Gespräch anzufangen, gerade weil der Glaube daran eine Gefahr darstellt und sich schnell zu einem verschwörungsideologischen Weltbild wandeln kann. Zunächst kann das sogenannte „Debunking“ helfen, das Widerlegen von falschen Fakten.

Persönliche Ebene
Bei wirklich überzeugten Verschwörungsideologinnen und Verschwörungsideologen kann dies die Situation allerdings noch weiter verschlimmern, weil diese sich in ihrer Einstellung bestätigt fühlen. Wenn alles, was nicht in das Weltbild passt, als „vom System“ oder „nicht aufgewacht“ bezeichnet werden kann, stärkt die Konfrontation damit meist nur das eigene Weltbild. Hier können Fragen auf einer anderen, persönlichen Ebene weiterhelfen. Warum ist die Person so überzeugt von diesen Erzählungen und was bedeutet es für sie persönlich? 

Empathie zeigen
In jedem Fall ist es wichtig, der Person verständnisvoll gegenüberzutreten und Empathie zu zeigen. Man sollte sich zwar klar und deutlich von dem Inhalt der Verschwörungsideologie distanzieren, nicht allerdings von der Person. Denn das führt zu einem noch größeren Gefühl der Ausgrenzung, was zu einer noch tieferen Verstrickung in die Netzwerke von Verschwörungsideologien führen kann. Denn falls sich Verschwörungsgläubige eines Tages doch von den Verschwörungstheorien abwenden, wenden sie sich viel eher an diejenigen, die sie nicht einfach ausgelacht und den Kontakt abgebrochen haben.

Alle sind gefragt
Eine weitere Möglichkeit können auch Beratungsstellen darstellen, die professionelle Hilfe anbieten. 

Wichtig ist es anzuerkennen, dass diese Welt nicht schwarz und weiß ist, dass es auf manche komplexe Frage keine einfache Antwort gibt und dass man aushält, nicht für alles eine Erklärung zu finden.

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Fragen für ein Gruppengespräch

  1. Was ist dir in unserem Gespräch über Verschwörungstheorien wichtig?
  2. Auf einer Skala von 1-10: Wie empfänglich bist du für Verschwörungstheorien?
  3. Welche Aspekte des Glaubens können Menschen davor bewahren, die „Gefährlichkeit“ von Verschwörungstheorien auszuleben?
  4. Wo beobachtest du in der Öffentlichkeit und wo bei dir selbst Vorurteile/Verallgemeinerungen gegenüber Jüdinnen und Juden?
  5. Bei welchen Themen neigst du zur (eventuell zu schnellen) Einteilung in gut und böse?
  6. Welche biblischen Gedanken können uns helfen, trotz unterschiedlicher Überzeugungen und Weltanschauungen Gemeinschaft zu haben?

Handeln

Die Chance des Glaubens

Ein Text von Lukas Schülbe

Die Bibel verpflichtet Christen zum politischen Engagement. Und sie gibt ihnen Leitlinien für ihren Einsatz an die Hand. Davon ist Lukas Schülbe überzeugt, der Pastor der Freikirchlichen evangelischen Gemeinde in Burscheid im Bergischen Land. Er nennt vier Grundorientierungen.

Vier biblische Leitlinien für politisches Handeln | Lukas Schülbe

Du sollst dich politisch betätigen. Vier biblische Leitlinien für politisches Handeln

Politik und christlicher Glaube sind Unterschiedliches, aber nicht voneinander getrennt. Vier biblische Eckpunkte zu politischem Mitmachen sind hier aufgeschrieben. Es sind keine Äußerungen, wie man dieses oder jenes politisch sehen soll (Klimawandel, Migration, Wirtschaftsfragen, etc.). Stattdessen gibt uns die Bibel Orientierung, wie wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen im politischen Feld umgehen können und sollen.

1. An Politik teilnehmen, weil Jesus zur Nächstenliebe auffordert

„Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Matthäus 22,39 (BasisBibel)

Eine weitverbreitete Sichtweise ist, dass die Beteiligung an Politik freiwillig ist. Aus Sicht des christlichen Glaubens fordert Gott jedoch von Christinnen und Christen politische Teilnahme.

Jesus lehrte, dass in zwei Geboten Gottes Weisung an uns Menschen zusammengefasst ist. Eines dieser Gebote lautet: „Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.“ In unseren Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen, Bekannten fordert Jesus uns damit auf, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu sehen und für sie zu sorgen. (Im Lukasevangelium wird zum besseren Verstehen dieses Aspekts von Jesu Lehre das bekannte Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt.)

Wir leben aber nicht nur in den nahen Beziehungen von Familie, Freunden und Bekannten. Wir leben in einer Kommune oder Stadt, einem Bundesland, einem Nationalstaat, auf einem Planeten. Auch in dieser größeren Dimension gilt das Gebot von Jesus: „Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.“ Deshalb ist es für Christinnen und Christen (und für Gemeinden) ein Gebot Gottes auch im Bereich der Politik Nächstenliebe zu leben.

Bei Familie, Freunden und Bekannten ist oft leicht zu verstehen, was Nächstenliebe heißt. Den Traurigen trösten, die Einsame einladen, dem Bedürftigen helfen. Was heißt Nächstenliebe im Bereich der Politik?

Menschen haben berechtigte und unberechtigte Interessen. Sollten freikirchliche Gemeinden sich wünschen, dass ihre Gemeindehäuser durch die Staatskasse finanziert werden, wird dies von den meisten als unberechtigtes Interesse angesehen. Das Interesse von Freikirchen ihre Meinung frei zu äußern und ihre Religion ausüben zu können, werden die meisten als ein berechtigtes Interesse ansehen. Aber nicht nur Freikirchen haben berechtigte Interessen, sondern auch Kinder, Unternehmerinnen, Rentner, Migrantinnen, usw.

Nächstenliebe im Bereich der Politik heißt: die berechtigten Interessen anderer Menschen ernst nehmen und ihnen Geltung verschaffen. (An dieser Stelle wird nicht darüber nachgedacht, was berechtigte und unberechtigte Interessen voneinander unterscheidet. Dazu gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Hier soll nur auch festgehalten werden, dass es auch Interessen gibt, die man getrost links liegen lassen kann, z.B. wenn der Nachbar das tiefe Bedürfnis hat den Lack seines Porsches von matt nach metallic zu wechseln.)

Also: Nächstenliebe im Bereich der Politik heißt: die berechtigten Interessen anderer Menschen ernst nehmen und ihnen Geltung verschaffen. Dieser Bedeutung des Gebotes von Jesus kann man auf vielfältige Weise gerecht werden. Die schlichteste Form ist sich zu informieren, über die politischen Themen, die gegenwärtig verhandelt werden. Die umfassendste Form bedeutet, selbst für ein politisches Amt zu kandidieren. Dazwischen und daneben gibt es unzählige Möglichkeiten, die in jeder Situation anders sind. (An anderer Stelle werden sie vorgestellt. Schau dazu in den Text von Matthias Ehmann.)

Was jedoch für Christinnen und Christen nicht geht: sich gleichgültig gegenüber Politik verhalten.

Beispiel: Die Kirchen haben daran mitgewirkt, dass sich der deutsche Staat als sozialer Rechtstaat konstituiert hat, in dem der Schwächste den Maßstab der Hilfe abgibt und in dem jedem und jeder nach ihrem tatsächlichen Bedarf geholfen wird. Bei der praktischen Umsetzung setzt der Staat auf das Engagement seiner Bürger und ihrer Zusammenschlüsse. Deshalb sind die Kirchen, vor allem über ihre diakonische Aktivitäten, die größten Akteure im Sozialstaat.

2. Das Gewissen achten, weil Menschen Ebenbilder Gottes sind

»Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein!“ 1. Mose 1,26 (BasisBibel)

Die Bibel erzählt, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat. D.h. der Mensch ist Gottes Gegenüber und sein Repräsentant auf der Erde. Und sie erzählt: wir Menschen leben nicht wie Ebenbilder Gottes. Wir interessieren uns nicht für Gott und handeln gleichgültig und unrecht. Aber Gott bleibt den Menschen treu.  Er wird der Mensch Jesus und zeigt so: „Jeder Mensch bleibt mein Gegenüber und soll mich repräsentieren.  Das gilt, auch wenn ein Mensch noch so schlechte oder unsinnige Sachen denkt oder tut.“ Aus christlicher Sicht ist diese Botschaft Gottes die Basis für die Würde jedes Menschen.

Das hat eine Konsequenz für Christen. Wer glaubt, erkennt Gott als Gott an. Gott als Gott anzuerkennen bedeutet dann ebenso anzuerkennen, dass jeder Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen ist. Damit wird auch anerkannt, dass jeder Mensch Menschenwürde hat. So seinen Mitmenschen ganz bewusst von Gott entgegenzunehmen und somit auch seine Würde bewusst anzuerkennen ist eine Besonderheit, die den christlichen Glauben von manchen anderen Weltanschauungen unterscheidet.

Das hat zwei Folgen für Politik:

Erstens eine allgemeine: Politisches Handeln hat eine Grenze – das Gewissen. Jeder Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen. Unser Gewissen fragt: Kann ich dieses oder jenes mit mir vereinbaren? Im Gewissen geht es um die Einheit meiner Person. Deswegen dürfen politische Entscheidungen das Gewissen von Menschen nicht antasten, denn so würden sie die Person (die von Gott zu seinem Ebenbild geschaffen wurde) antasten. Stattdessen muss Politik das Gewissen von Menschen respektieren und schützen. Das gilt für das Handeln des Staates, wie auch für mein eigenes Handeln.

Zweitens eine für mich persönlich: Ich habe das Gewissen meines politischen Gegners zu respektieren und zu schützen. Alle Menschen haben Menschenwürde. Ein Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen. Das verdankt er nicht seiner Leistung, Intelligenz, Moral, Weltsicht oder Toleranz. Das wird ihm von Gott zugesprochen. Auch meine politischen Gegner sind somit ein Ebenbilder Gottes, haben Menschenwürde. Ich habe die Aufgabe ihre Gewissen zu respektieren und zu schützen.

Beispiel: Unser Zusammenleben ist von Werten getragen. Diese werden auch von staatlichen Institutionen vermittelt, z.B. von Schulen. Jedem Schüler und jeder Schülerin ist es überlassen, ob er sich den Werten anschließen will, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt tragen. Dies ist Teil seiner bzw. ihrer Gewissensfreiheit. Wie kann diese Freiheit im Unterricht gewahrt werden und nicht das inhaltliche Ergebnis schon vom Staat durch den Lehrplan vorgegeben werden? Dazu gibt es eine Grundregel der politischen Bildung, den sog. Beutelsbacher Konsens. Er nennt drei Prinzipien, wie die Gewissensfreiheit im politischen Unterricht gewahrt werden kann: Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot und Schüler- bzw. Schülerinnenorientierung. In anderen Worten muss Unterricht einen offenen Meinungsaustausch ermöglichen; das, was gesellschaftlich kontrovers gesehen wird auch im Unterricht kontrovers darstellen und den Schülerinnen und Schülern Angebote machen über ihre jeweils individuellen Interessen bei einem politischen Thema nachzudenken.

3. Teilhabe ermöglichen, weil Jesus so das Reich Gottes gepredigt und vorgelebt hat

„Danach kam Jesus nach Galiläa und verkündete die Gute Nachricht von Gott: »Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!« Markus 1,14 und 15 (BasisBibel)

Wenn Verhältnisse zwischen Menschen moralisch gut sind, nennt man sie gerecht. Jesus sprach über gerechtes Zusammenleben der Menschen. Er sprach dann vom Reich Gottes. Es war sein zentrales Thema (Markus 1,14+15; Markus 4; und öfter).

Ein wichtiger Aspekt war ihm dabei, Menschen hinzuzuholen, die nicht zur Gemeinschaft gehörten. Er erzählte Gleichnisse einer von Gott geprägten Gemeinschaft (sehr markant in den drei Gleichnissen vom Verlorenen in Lukas 15), er forderte seine Jünger dazu auf (Lukas 14,12-14) und er aß und trank selbst mit Leuten, die zu manchen Gemeinschaften nicht zugelassen wurden (Matthäus 9,9-13). Für Jesus ist es ungerecht, wenn Menschen nicht teilhaben können; gerecht ist eine Stadt, eine Nation, eine Welt, wo Menschen teilhaben können.

Darüber hinaus gibt es viele mögliche Arten Gerechtigkeit zu verstehen, z.B. gerecht ist, wenn alle ein gleich großes Kuchenstück bekommen; oder gerecht ist, wenn der Hungrigste das größte Kuchenstück bekommt; oder gerecht ist, wenn das Geburtstagskind das größte Kuchenstück bekommt; oder oder oder… Und aus diesen Grundgedanken ließen sich schon politische Modelle bilden (Egalitarismus, Elitismus, etc.). Deswegen soll hier nicht weiter über Gerechtigkeit nachgedacht werden, denn damit würde hier schon eine deutliche Positionierung in politischen Fragen vorgenommen.

Wenn aber Teilhabe als ein Kernpunkt eines christlichen Verständnis von Gerechtigkeit genannt wurde, dann sind damit Fragestellungen benannt, die (nahezu) alle Bereiche politischer Fragen betreffen: Welche Bedingungen müssen Migranten erfüllen, um an Wahlen in Deutschland teilnehmen zu dürfen? Welche Durchlässigkeit für untere soziale Schichten soll das Bildungssystem haben? Welche Höhe soll das Arbeitslosengeld umfassen, sodass seine Empfänger am gesellschaftlichen Leben teilhaben können?

Gerechtigkeit ist demnach ein Thema, das alle politischen Felder berührt, da es überall um das Zusammenleben von Menschen geht. Aus christlicher Sicht ist die Frage der Teilhabe dabei zentral.

Beispiel: 1990 fassten die Vereinten Nationen ihr Entwicklungsprogramm unter einem neuen Ansatz mit dem Namen „Human Development“. Bis dahin standen absolute wirtschaftliche Faktoren im Mittelpunkt. Hat eine Person genügen Kalorien pro Tag zur Verfügung, um nicht zu verhungern? Hat sie Kleidung und eine Unterkunft? Diesem absoluten Verständnis von Armut wurde ein relatives Verständnis an die Seite gestellt: arm ist, wer sich nicht als Person entfalten kann, wer nicht die Möglichkeit hat einen Lebensentwurf zu wählen, den er möchte. Mit diesem erweiterten Ansatz kam die Frage in den Blick: Wie können politisch Verwirklichungschancen für eine bestimmte Personengruppe vergrößert werden? Außerdem kam die westlichen Industrieländer bei der Untersuchung der Armut wieder in den Blick: dort hatten zwar (fast) alle Menschen genug zu essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, aber die Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und Lebensentwürfe zu verwirklichen waren und sind ungleich verteilt. Ein Beispiel aus Deutschland: Frauen lebten in Deutschland bereits in weitgehender materieller Sicherheit. Bis 1958 jedoch konnte der Ehemann die Anstellung seiner Frau kündigen und darüber entscheiden, ob sie einen Führerschein machen durfte. Vor 1962 durften Frauen kein Bankkonto ohne Einverständnis ihres Mannes eröffnen. Erst seit 1977 durften Frauen auch ohne das Einverständnis ihres Ehemannes arbeiten gehen. So wurden für Frauen mit den Jahrzehnten nach und nach ihre Teilhabemöglichkeiten erweitert.

4. Kompromisse eingehen, weil Gott uns mit unseren Unzulänglichkeiten annimmt und die Welt erneuert

„Der auf dem Thron saß, sagte: ‚Ich mache alles neu.‘“ Offenbarung 21,5 (BasisBibel)

Wir Menschen sind von Gott zu seinem Ebenbild geschaffen. Wir sollen ihn hier repräsentieren und diese Welt gestalten. Sie soll erblühen. Was das jedoch bedeutet, wird unterschiedlich gesehen. Auch von Christinnen und Christen. Teilweise werden heftige Auseinandersetzungen mit Beleidigungen und Drohungen geführt.

Jeder Mensch meint, dass seine eigene Ansicht, die beste ist, die er kennt. Ansonsten würde er sie nicht vertreten. Die Bibel lehrt jedoch, dass wir Menschen Sünderinnen und Sünder sind. Wir sind mit der Freiheit, die Gott uns gegeben hat, schlecht umgegangen, und wir können sie nicht aus eigener Kraft wiedergewinnen. Unser Denken und Handeln bleibt unser Leben lang – nicht nur, aber auch – von der Macht der Sünde geprägt. Dort wo politische Konflikte eine zerstörerische Kraft entfalten, können wir das erkennen.

In der Bibel lesen wir auch: Gott nimmt sündige Menschen an. Gott sorgt für Recht und Gerechtigkeit. Gott schafft eine neue Welt. Er tut das, nicht wir Menschen. Das hat eine wichtige Konsequenz: Wo Menschen im politischen Streit keinen Konsens erzielen können, können sie einander stehen lassen. Denn: Gott rechtfertigt die Sünder und erneuert die Welt. Wir tun das nicht. Wer im politischen Konflikt meint, absolut im Recht zu sein, irrt sich. Vermutlich fehlt ihm das Bewusstsein für die Sünde in seiner Position.

Wo Positionen sich im Politischen gegenüberstehen, ohne sich einigen zu können, da ist der Kompromiss der angemessene Weg. Im Vertrauen auf Gottes Gnade, halten wir das was möglich ist und was nicht möglich ist,  halten wir eigene und fremde Schuld, Gott hin. Ob ein Kompromiss im konkreten Fall der richtige Weg ist, lässt sich nicht für jeden Fall sagen. Es gibt auch faule Kompromisse. Auch hier gilt: Gott nimmt sündige Menschen an. Gott sorgt für Recht und Gerechtigkeit. Gott erneuert die Welt.

Beispiel: 1977 wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt lässt sich nicht auf Forderungen der Entführer ein Mitglieder der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) aus dem Gefängnis zu entlassen. Seine Position: Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen. Schleyer wird ermordet. Schmidt sagt dazu: „Ich bin verstrickt in Schuld.“

Ob Schmidt Schuld auf sich geladen hat, kann unterschiedlich bewertet werden. Er selbst hat es für sich so gesehen. Das Beispiel zeigt, dass politische Aktivität dazu führen kann, sich selbst als schuldig anzusehen. Aus christlicher Sicht sind wir jedoch nicht gerechtfertigt, weil wir schuldlos sind, sondern weil Gott uns rechtfertigt. Das ermöglicht Mut und Beweglichkeit in politischen Entscheidungssituationen.

5. Ein Bild zum Abschluss – der Ruderer auf dem See

Ich versuche zum besseren Erinnern und praktischen Anwenden die vier Leitlinien in einem Bild zusammenzufassen. Dabei stelle ich mir Politik wie einen großen See vor.

Wir sind von Gott durch das Gebot der Nächstenliebe aufgefordert am politischen Geschehen teilzunehmen – in ganz unterschiedlicher und vielfältiger Weise. Im Bild gesprochen: Wir sind von Gott in ein Boot gesetzt auf dem See der Politik. Das kann uns gefallen oder ärgern. Wir sitzen in diesem Boot, weil Gott uns dazu auffordert unsere Mitmenschen zu lieben.

Es ist jedoch gefährlich mit unserem Boot in bestimmte Bereiche der Politik zu steuern. Da gibt es gefährliche Untiefen oder verseuchte Quellen speisen den See. Unsere Mitmenschen sind Gottes Ebenbilder, sie sind Personen, sie dürfen selbst entscheiden, wer sie sein und wie sie handeln wollen. Auf dem See der Politik dürfen wir deshalb nicht überall hinfahren. Unser politischer Kurs hat Grenzen, die insbesondere durch die Gewissensfreiheit des Einzelnen markiert werden.

Auf unserem Ruderboot sind uns nun zwei Ruder gegeben mit denen wir unseren Kurs gestalten können. Das eine Ruder ist der Einsatz für Gerechtigkeit als Teilhabe. Das andere Ruder der Spielraum für Kompromisse, der entsteht, weil es eben Gott ist, der eine gerechte Welt hervorbringt und nicht wir.


Zur Lektüre:

Arnulf von Scheliha: Protestantische Ethik des Politischen, 2013
Ulrich H. J. Körtner: Evangelische Sozialethik, 2019

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Fragen für ein Gruppengespräch

  1. Was macht der Satz von Jesus mit dir: Liebt alle Menschen. „Denn er lässt seine Sonne für Böse wie für Gute aufgehen, und er lässt es regnen für Fromme und Gottlose.“ (Matthäus 5,45)
  2. Wo fällt es dir leicht, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ganz andere Wertvorstellungen haben als du? Wann fällt es dir schwer?
  3. Welcher Aspekt des Textes ist dir aufgestoßen?
  4. Welche Personen oder welche Gruppen fallen dir ein, die politisch zu wenig Gehör oder Unterstützung erfahren?
  5. Welche Gaben siehst du in deiner Kleingruppe / in deinem Freundeskreis, die Gottes Liebe für seine (geschaffene und zerbrochene) Welt widerspiegeln?

Lernen

Politisches Engagement aus historischer Verantwortung

Thesen von Stephan Zänker

Die Kirchen können ihren Auftrag in der Gesellschaft am besten in einer Demokratie erfüllen.

Davon ist Stephan Zänker überzeugt. Er ist Ältester der Freien evangelischen Gemeinde Erfurt und leitet in Weimar den Verein „Weimarer Republik“, der die Geschichte der ersten deutschen Demokratie für die heutige Gesellschaft nutzbar machen will.

Engagement für Demokratie aus historischer Erfahrung | Stephan Zänker

Engagement für die Demokratie aus historischer Erfahrung

  1. Demokratie ist ein aktuell oft verwendeter Begriff. Das ist zunächst ein großer Fortschritt, denn im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es viel weniger offene Demokratiefeindlichkeit. Selbst autoritäre Systeme versuchen, sich den Anschein der Demokratie zu geben. Das zeigt, dass die Idee der Demokratie sehr weit verbreitet ist. Eine Regierungsform unter Beteiligung aller Menschen ist inzwischen eine Standardvorstellung. 
  2. Demokratie ist zugleich ein unscharfer Begriff. Verschiedene Regierungssysteme berufen sich darauf, demokratisch zu sein. Russland und die Türkei etwa gehören dazu, obwohl sie sich von der Vorstellung einer liberalen und offenen Demokratie immer weiter entfernen. Die Gegenmodelle von „gelenkter“ oder „illiberaler“ Demokratie sorgen für Verunsicherung.
  3. Zudem ist die Vorstellung, was nun genau eine Demokratie ausmacht, selbst in Deutschland umstritten. Meinungsäußerungen in Leserbriefspalten und auf sozialen Plattformen zeigen, dass es dabei oft um die Berücksichtigung eigener Interessen und um „gefühlte“ Mehrheiten geht. Daraus speist sich eine gefährlicher werdende Spielart des Populismus.
  4. Es ist deshalb notwendig, andere Werte hinzuzuziehen, um den Begriff der Demokratie zu verdeutlichen. Dazu gehören Freiheit, Partizipation, Minderheitenschutz, Rechtsstaat und Gewaltenteilung, Verantwortung und Vertrauen. Mit diesen Werten lassen sich die Prinzipien des liberalen Verfassungsstaates der Bundesrepublik Deutschland besser beschreiben. 
  5. Durch die Hinzufügung konkreter Werte wird deutlich, dass Demokratie kein Zustand ist, sondern ein Entwicklungs- und Veränderungsprojekt. Sie ist niemals vollendet, sondern muss immer wieder neu erkämpft, errungen und verteidigt werden. 
  6. Dadurch erhält die historische Perspektive eine besondere Bedeutung. Gerade für Deutsche ist es wichtig, die Wurzeln ihrer Demokratie zu kennen und sich mit ihrer Entwicklung zu beschäftigen. Aus den Erfahrungen früherer Generationen lässt sich lernen. Und die Geschichte der deutschen Demokratie kann identitätsstiftend wirken – etwa mit den Farben schwarz-rot-gold, die oft irrtümlich als rein nationale Symbolik verstanden werden. 
  7. Demokratie hatte es in Deutschland nie leicht. Die deutsche Geschichte ist geprägt von tiefen Brüchen und Rückschlägen. Sie waren tiefer als in anderen Ländern, insbesondere durch die NS-Diktatur und ihre beispiellosen Verbrechen. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schlussfolgern, dass der Gedanke der Demokratie in Deutschland keine Wurzeln geschlagen hätte. Ohne die Leistung der Westalliierten nach 1945 schmälern zu wollen: Die Bundesrepublik importierte nicht den Gedanken der Demokratie, sondern konnte an die lange deutsche Demokratiegeschichte anknüpfen. 
  8. Diese lange Geschichte beginnt schon mit vordemokratischen Entwicklungen, etwa in den freien Reichsstädten, in der Zeit von Bauernkriegen und Reformation, in der Verfasstheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Französische Revolution hat diese Entwicklungen beschleunigt.  Auch in Deutschland entwickelte sich eine starke liberale und demokratische Volksbewegung, die sich aber im 19. Jahrhundert nicht durchsetzen konnte. Erst die Katastrophe des Ersten Weltkriegs ließ das alte System zusammenfallen und brachte die Weimarer Republik hervor, die erste deutsche Demokratie. Sie bestand jedoch nicht einmal 15 Jahre. Ihr folgte mit der NS-Diktatur die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte. Während sich in Westdeutschland nach 1945 schrittweise eine lebendige Demokratie entwickelte, machte der Osten mit der DDR eine zweite Diktaturerfahrung, die erst mit der Friedlichen Revolution 1989 ein Ende fand.
  9. Das 1990 wiedervereinigte Deutschland hat sich bislang als stabile Demokratie erwiesen. Daraus entwickelte sich jedoch die gefährliche Annahme, weitgehend immun zu sein gegen demokratiefeindliche Tendenzen. Die Krisen der vergangenen Jahre haben diese falsche Gewissheit zerstört und gezeigt, wie verletzlich Demokratie ist. Daraus hat sich eine neue Wertschätzung der Demokratiegeschichte ergeben und eine Neugier auf die Erfahrungen früherer Generationen. 
  10. Besonders im Fokus steht dabei die Weimarer Republik. Durch die intensivere Beschäftigung wurde in jüngster Zeit deutlich, dass sie stärker und stabiler war als bislang angenommen, dass sie eine Chance für eine dauerhafte demokratische Entwicklung darstellte. Umso wichtiger ist es, jene Faktoren zu untersuchen, die die Weimarer Republik zerstörten. 
  11. Insbesondere für Christen können die damaligen Entwicklungen wertvolle Hinweise darauf geben, wie sie sich in der heutigen Demokratie verhalten sollten. Christen können aus den Erfahrungen der damals Handelnden lernen und somit ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen nachkommen. 
  12. Die Zeit der Weimarer Republik wurde von starken Veränderungen geprägt. Sie vollzogen sich nicht gemächlich, sondern in sehr kurzer Zeit. Durch neue Freiheiten lösten sich alte Bindungen auf, die Gesellschaft wurde mobiler, schrankenloser. Neue technische Entwicklungen revolutionierten Arbeit und Alltag. Moralische Standards kamen ins Rutschen. 
  13. Die Veränderungsprozesse steigerten die Risse in der Gesellschaft und führten zu einer starken Polarisierung. Auf der einen Seite standen die Treiber der Veränderungen, die sich als Modernisierer verstanden und von einer neuen, besseren, gerechteren Gesellschaft träumten. Sie gingen in ihrem Reformeifer teilweise rücksichtslos vor. Auf der anderen Seite standen jene Menschen, die die althergebrachten Zustände bewahren wollten und Veränderungen ablehnten. Sie verharrten oft in einer Verweigerungshaltung. Ausgleichende Mittelpositionen, die am Anfang der Weimarer Republik noch dominierten und die Ausgestaltung der Demokratie prägten, verloren im Laufe der Zeit Unterstützung.
  14. Die christlichen Kirchen waren von den Veränderungsprozessen unmittelbar betroffen. Sie gehörten, von wenigen Ausnahmen wie den religiösen Sozialisten abgesehen, nicht zu den Treibern der Veränderungsprozesse, sondern lehnten diese zum größten Teil ab. Auch die Mittelposition wurde nur von einer Minderheit eingenommen. Kirche verstand sich und wurde auch verstanden als ein Bollwerk gegen gesellschaftliche Veränderungen.
  15. Am stärksten ausgeprägt war die Ablehnung von Veränderungen bei der evangelischen Volkskirche. Sie hatte 1918 den Status als Staatskirche verloren – und mit den Fürsten ihre obersten Kirchenherren. Ein schmerzhafter Neufindungsprozess setzte daraufhin ein, der zwar eine Reihe von Fortschritten in der Kirchenverfassung erbrachte, gemeinhin jedoch als Schmach empfunden wurde. Dementsprechend bildete die evangelische Volkskirche mehrheitlich einen Hort für Gegner der Demokratie, die als „undeutsch“ und „westlich“ verunglimpft wurde. Oft verband sich die Ablehnung der neuen Zeit mit Nationalismus, völkischer Ideologie, Antisemitismus und Verschwörungsmythen. So war ein Teil der Kirche schon vor 1933 der NS-Ideologie verfallen.
  16. Die katholische Kirche gehörte formal zu den Gewinnern der neuen Zeit. Im Kaiserreich eine zeitweise verfolgte Minderheit, war sie nun gleichberechtigt mit der evangelischen Kirche. Trotzdem stand auch sie den gesellschaftlichen Veränderungen skeptisch bis ablehnend gegenüber. Insbesondere lehnte sie den Zugriff des Staates auf die Schule ab. Ihr politischer Arm, die Zentrumspartei, zeigte eine ähnliche Ambivalenz: Sie gehörte über Jahre mit einer Mittelposition zu den Stützen der Weimarer Republik, wandte sich in den 1930er Jahren jedoch autoritären Gesellschaftsmodellen zu.
  17. Auch die Freikirchen profitierten eigentlich von der Weimarer Republik. Ihre Verfassung brachte ihnen zum ersten Mal eine offizielle Anerkennung. Die Durchsetzung der Religionsfreiheit führte jedoch nicht dazu, dass die Freikirchen die Demokratie vorbehaltlos akzeptierten, vielmehr wurden oftmals die skeptischen Sichtweisen der evangelischen Volkskirche übernommen. Auch in den Freikirchen wuchs der Einfluss antidemokratischer, nationalistischer und antisemitischer Vorstellungen. 
  18. Die mehrheitliche Skepsis der Kirchen gegenüber der Demokratie erwies sich als Fehler. Sie wurden damit zum Wegbereiter der Nationalsozialisten, die es geschickt verstanden, Vorbehalte gegen Veränderungen aufzugreifen und in Feindbilder und Illusionen zu verwandeln, die in der Diktatur ihr Zerstörungspotential entwickelten. Der Widerstand gegen Veränderungen hatte viele Christen in die Arme einer menschenverachtenden Ideologie getrieben, die ausdrücklich antichristlich war. 
  19. Die damaligen Entwicklungen können heute eine Mahnung sein. Neue Veränderungsprozesse wecken alte Ängste. Und wie damals werden Veränderungen begleitet von Utopien und Zukunftsvorstellungen – und von Ängsten und Ablehnung. Die Gesellschaft ist durch Polarisierung gefährdet. Erneut müssen sich Kirchen, müssen sich Christen dazu positionieren. 
  20. Die Erfahrung aus der Weimarer Republik zeigt: Kirche darf sich Veränderung nicht verweigern. Sie darf nicht zum Sammelbecken der Veränderungsgegner werden. Das bringt den fatalen Schulterschluss mit rückwärtsgewandten, menschenfeindlichen Ideologien. Andererseits sollte Kirche Veränderungen nicht forcieren und somit ihren teilweise rücksichtslosen Treibern hinterherlaufen. Dadurch verlöre sie den Kontakt zu jenen Menschen, denen diese Entwicklung Ängste bereitet. 
  21. Veränderungsprozesse können am besten aus einer Mittelposition heraus gestaltet werden. Dies schafft die Möglichkeit, gleichzeitig Innovationen auf der Treiberseite zu fördern und andererseits Bewährtes und Gewohntes zu erhalten. Die Kirchen können diese Position auch deshalb sehr gut einnehmen, weil sie den Prozessen eine Gelassenheit entgegenstellen können: die Gelassenheit, auf dieser Welt nur zu Gast zu sein und über eine Perspektive weit über sie hinaus zu verfügen. Diese Gelassenheit sollte mit Empathie, Zuwendung und Hilfeleistung für alle Menschen verbunden werden, die von Veränderungen betroffen sind. Ihnen zu dienen, lautet die Aufgabe.
  22. Diese Aufgabe können die Kirchen am besten in einer Demokratie erfüllen. Nur in ihr kann offen über Veränderungsprozesse diskutiert werden, nur in ihr wird transparent über den notwendigen Ausgleich zwischen Treibern und Bewahrern verhandelt. Christen sollten sich daher für die Entwicklung des Projekts der Demokratie und der mit ihr verbundenen Werte einsetzen.

Das Deutsche Nationaltheater in Weimar war 1919 der Gründungsort der ersten deutschen Demokratie.
Foto: Stadtmuseum Weimar

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Fragen für ein Gruppengespräch

  1. Welche Aspekte von Demokratie sind dir neu? Welche sind dir – im Moment – besonders wichtig?
  2. Welche Themen der deutschen (Demokratie-) Geschichte bewegen dich immer wieder?
  3. Siehst du „die Kirche / die Christenheit“ eher als Antreibende von Veränderungsprozessen oder eher als Bremsende von Veränderungsprozessen?
  4. Inwiefern empfindest du dich offen für Veränderungen – inwiefern empfindest du dich am wohlsten in bereits Bekanntem?
  5. Worin siehst du deine Möglichkeiten und deine Begabungen, um die Forderung von Stephan Zänker umzusetzen: „Christen sollten sich daher aktiv für die Verteidigung der Demokratie und der mit ihr verbundenen Werte einsetzen.“ (Letzter Satz)
  6. In welchem Bibelvers oder welchem biblischen Prinzip findest du für dich Motivation zum gesellschaftlichen Engagement?

Positionieren

Freie evangelische Gemeinden und Staat

Ein geschichtlicher Rückblick von Wolfgang Heinrichs

Wolfgang Heinrichs erinnert an die wechselvolle Beziehung der Freien evangelischen Gemeinden zu ihrem jeweiligen Staat. Er ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wuppertal.

Das Verhältnis der Freien evangelischen Gemeinden zum Staat im Wandel der Zeit | Wolfgang Heinrichs

Das Verhältnis der Freien evangelischen Gemeinden zum Staat im Wandel der Zeit

Von ihren Ursprüngen her versteht sich eine Freie evangelische Gemeinde als independente, unabhängige Kontrast- ‚und Verantwortungsgemeinschaft zu Staat und Gesellschaft. 

Auf der Basis des Vereinsrechts nahmen unabhängig und eigenverantwortliche (independente) Glaubensgemeinschafen seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch im deutschen Raum für sich das Recht in Anspruch, freie evangelische Gemeinde zu sein. Sie verstanden sich als „Gemeinden der Glaubenden“ auf deren Bekenntnis und dessen angemessene Ausübung weder die Staatsbehörden noch die so genannte „öffentliche Meinung“ ein Anrecht besaßen, sondern allein das „Wort Gottes“, wie es in der Bibel bezeugt ist. Dessen Interpretation war indes immer auch zeitgebunden, so dass Freie evangelische Gemeinden, wie alle menschlichen Institutionen, stets auch die Ansichten ihrer historischen Umwelt widerspiegeln, ohne jedoch, wenigstens dem Anspruch nach, darin aufzugehen. 

Programmatischer Ausgangspunkt des Verhältnisses zum Staat sind die seit Ende des 18. Jahrhundert formulierten Erklärungen der Menschen- und Bürgerrechte; zuerst der nicht unwesentlich von freikirchlichen „Dissenters“ angemahnten und gestalteten „Grundrechtserklärungen“ der „Virginia Declaration of Rights“ vom 12. Juni 1776, deren Fortführung in der Unabhängigkeitserklärung der USA (4. Juli) und endlich deren späteren „Grundrechtserklärung“ sowie der Französischen „Erklärung der Menschen und Bürgerrechte“ (beide von 1789). Ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln finden sich sowohl in der Bibel als auch in dem veränderten Menschenbild der Aufklärung. 

Der in den Revolutionsjahren 1848/1849 formulierte Grundrechtskatalog der Frankfurter Reichsverfassung, die den Weg der Deutschen zur Freiheit und Rechtsstaatlichkeit vorzeichnete, ermöglichte zugleich die Gründung von Freikirchen auch in den deutschen Ländern und wurde von ihren Vertretern begrüßt. Zu ihnen zählte der Baptistenpastor Julius Köbner, der in seinem „Manifest des freien Urchristentums“ (1848) eine neue Zeit des Kirchenwesens und der Glaubensverbreitung angebrochen sah. Als Sohn jüdischer Eltern sowie als Vertreter einer diskriminierten religiösen Minderheit, hoffte er, wie viele deutsche Freikirchengründer, auf den geordneten Verfassungsstaat. Dieser sollte die freie Entfaltung der Persönlichkeit innerhalb eines pluralistischen Staates sichern. Noch vor 1848 verweigerte der Staat den frei organisierten Glaubensgemeinschaften in Deutschland das Versammlungsrecht, die Pressefreiheit u.a.m. Die Kinder derjenigen, die die Glaubenstaufe als biblische Wahrheit für sich entdeckten, wurden bis in die 1840er Jahre hinein gelegentlich vom örtlichen Pfarrer unter Mitwirkung der polizeilichen Behörden „zwangsgetauft“. 

Die Freien evangelischen Gemeinden sind wie die übrigen Freikirchen von ihrem Ansatz her Teil der bürgerlichen Emanzipationsbewegung des 19. Jahrhunderts.1 Völker- bzw. staatsrechtlich gelten für sie in der Gegenwart die Resolution der „Allgemeine[n] Erklärung der Menschenrechte“, wie sie von der Generalversammlung der Vereinten Nationen, noch unter dem Eindruck ihrer Missachtung vor allem des nationalsozialistischen Deutschlands (1933-1945), am 10. Dezember 1948 verabschiedet wurde, sowie schließlich das „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ vom 23. Mai 1949. Die in dessen Artikel 1-17 laut Präambel „im Bewusstsein [der] Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und den Weltfrieden erlassenen Grundrechte sind konstitutiv für das Verhältnis der Freien evangelischen Gemeinden zum Staat: (1) Wahrung der Menschenwürde, (2) freie Entfaltung der Persönlichkeit, (3) das Prinzip der Gleichheit und Solidarität unter Verwerfung jeglicher Diskriminierung, (4) die Gewährleistung von Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit, (5) Meinungsfreiheit, (6) Schutz von Ehe und Familie, (7) Aufsichtsrecht des Staates über das Schulwesen, Zulässigkeit des privaten Schulwesens, einschließlich der Bekenntnisschulen und der Garantie des frei wählbaren Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen, (8) Versammlungsfreiheit, (9) Vereinsfreiheit, (10) Unverletzlichkeit des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses bzw. Kommunikationsfreiheit, (11) Freizügigkeit, (12) freie Berufswahl, (13) Unverletzlichkeit der Wohnung bzw. Privatsphäre, (14/15) Recht auf Eigentum in Verantwortung zum Allgemeinwohl, (16) Recht auf Staatsbürgerschaft, Schutz vor Ausweisung und Asylrecht, (17) Appellationsrecht gegenüber der Volksvertretung. 

Der Bund Freier evangelischer Gemeinden ist als Selbstverwaltungsorgan nach Artikel 140 GG, der die staatskirchenrechtlichen Bestimmungen der Artikel 136-139 und 141 der Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 aufnimmt, eine „Körperschaft des öffentlichen Rechtes“ (KdöR), eine vom Staat mit öffentlichen Aufgaben im Interesse der Allgemeinheit und des Gemeinwohls betraute juristische Person. Er bekennt sich damit zu einem weltanschaulich neutralen demokratischen Rechtsstaat mit dem Prinzip der Gewaltenteilung. Eine KdöR besitzt ferner die sogenannte „Organisationsgewalt“, die es ermöglicht, Untergliederungen, in dem Fall einzelne Ortsgemeinden, öffentlich-rechtlich zu organisieren. Hinzu kommen diverse Vergünstigungen bei Steuern, Abgaben und Gebühren sowie das Mitspracherecht in politischen Gremien. Der Bund Freier evangelischer Gemeinden könnte also als KdöR Beamte einstellen, Steuern erheben und einen eigenen Religionsunterricht einführen, Rechte ausüben, von denen er allerdings von seinem Selbstverständnis her keinen Gebrauch macht. 

Es zeigt sich in Bezug zum Staat eine eigentümliche Ambivalenz der Freien evangelischen Gemeinden. Denn stützen sie die staatliche Verfassung, sofern sie die Menschenrechte wahrt, wirken sie als KdöR in seinem Interesse und unter seiner Maßgabe und Förderung, bleibt doch ein Vorbehalt, sich vom Staat und einer in einer Gesellschaft wie auch immer geäußerten „öffentlichen Meinung“ vereinnahmen zu lassen. In einer pluralistischen Gesellschaft lebend und diese auch bejahend, verstehen sich die Gemeinden doch durch ihren Glauben letztlich der höheren Instanz Gottes verpflichtet. Der Gehorsam gegenüber der Staatsgewalt (Römer 13,1) findet seine Grenze in dem Gehorsam vor Gott (Apostelgeschichte 5,29) und dem eigenen, geheiligten Gewissen (1. Timotheus 3,9). Das Vertrauen zu Gott konnte sogar in gewissen Phasen der Geschichte ein Misstrauen gegenüber staatlichem Verhalten bewirken, und forderte gar Widerspruch heraus, immer dann, wenn der Staat nicht als „Gottes Dienerin“ (Römer 13,4) agierte. 

Die zwiespältige Stellung zum Staat erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte der Freien evangelischen Gemeinden heraus, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Umbruch der Moderne erfolgte. Es ist die Zeit der Nationalstaatsgründung, in der Menschen- und Bürgerrechte sowie die politische Partizipation der Bürger erst erstritten werden mussten. 

Der maßgebliche Gründer der ersten Freien evangelischen Gemeinde im Wuppertal, der Unternehmer Hermann Heinrich Grafe (1818-1869), zählt zu denjenigen, die sich gegen Privilegien einer staatlich mitorganisierten und geführten Landeskirche wehrten. Er war anfänglich auch kommunalpolitisch aktiv. Bürger- und Menschrechte galten für ihn als erstrebenswerte Ziele. Der Verlauf der 1848/49er Revolution und das Verhalten der verschiedenen bürgerlichen und sozialistischen Gruppierungen riefen bei ihm jedoch ein Umdenken hervor. In seinen Tagebucheintragungen mahnte er in der Phase der Gemeindegründung eine notwendige Distanznahme vom politischen Geschäft an. Seine Unternehmensgewinne dienten für ihn nicht der privaten Bereicherung. Das erwirtschafte Geld sollte vielmehr der Gemeinde in ihrer missionarischen diakonischen Verantwortung zufließen. Seinen Lebenssinn sah er darin, so viele Menschen wie möglich aus einer ansonsten heillosen Welt heraus zu retten. In Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi empfand er eine Beteiligung an politischen Ämtern als unzumutbar, im wahrsten Sinne des Wortes nicht (zum) Ziel führend. Ohnehin betrachtet er die von ihm gegründete Glaubensgemeinschaft und den Staat als zwei andersgeartete Größen. Der Christ sei – hier steht Grafe Luther näher als Calvin – „Bürger zweier Reiche“. Während es für Grafe im Staat um die Durchsetzung von Einzelinteressen und Vorteile bestimmter gesellschaftlicher, durch Parteien vertretender Gruppen ginge, kennzeichnet für Grafe den Wesenszug der Gemeinde die Einheit und das Füreinander-da-Sein. 

In sein Tagebuch notiert er: 

„Ja, die Politik ist der berechnetste Egoismus! Wie die verschiedenen Nationen sich in ihren Anstrengungen für den eigenen nationalen Vortheil gegenseitig zu überflügeln suchen, durch List und Intrigen, oder durch offene Gewalt und Unterdrückung: so bekämpfen sich wieder die verschiedenen Parteien ein und derselben Nation untereinander, und in den verschiedenen Parteien selbst wieder die einzelnen Individuen. Das ist die Grundlage der Politik! Das ist der Kampf der Weltgesellschaft mit sich selber, die im Egoismus nicht nur ihr Bestehen, sondern selbst ihren unsterblichen Ruhm hat, durch Krieg und Verderben! Elendes Glück, das im Unglück Anderer seine Größe sucht!“ (TGB, 25.6.1852, I, 133) 

Im Gegensatz zu dem heterogenen Pluralismus in Staat und Gesellschaft, der dieselbe spaltet, ist für Grafe die Gemeinde ein homogener Organismus (Leib Christi), den er, anders als der zu dieser Zeit regierende preußische König Friedrich Wilhelm IV. nicht auf den Staat zu übertragen vermochte. 

Dem Staat gegenüber schulde der Christ Gehorsam, müsse deshalb etwa Steuern zahlen. In der Gemeinde Gottes jedoch soll es nur freiwillige Opfergaben geben, keine Kirchensteuer erhoben werden. In der Gesellschaft gibt es soziale und politische Unterschiede. Die Gemeindeglieder seien dagegen von ihrem Glauben her dazu bestimmt, einander geschwisterlich zu dienen, füreinander da zu sein, in Demut das Wohl des anderen zu suchen. Freilich besitzt die Gemeinde nach Grafe (u.a. nach Römer 12,9-21) eine missionarische Ausstrahlung sowie diakonische Aufgaben auch nach außen. Sie ist für ihn an dem ganzheitlichen Erlösungswerk Christi beteiligt, sozialpolitisch, ohne Staatsanstellung unterwegs. 

Nach diesen Grundsätzen zählten vorerst zu den Freien evangelischen Gemeinden kaum solche, die sich im engeren Sinne politisch engagierten. Politik galt vielmehr als suspektes Feld menschlicher „Weltlichkeit“ und wurde im Kontrast zu der „geistlichen“ Lebensführung der Gemeinde gesehen. Das Abendmahl feierte man ausschließlich mit Glaubenden und schloss so genannte „Namenschristen“ davon aus sowie solche Glieder, die von den aus der Bibel abgeleiteten sittlichen Normen in Meinung und Handeln abwichen. Diese Normen waren durchaus seit der Mitte des 19. Jahrhundert in einem permanenten Wandel begriffen. Doch achteten die Gemeinden jenseits der sozial anerkannten Modalitäten auf ein angemessenes Sozialverhalten ihrer Mitglieder, die sich aus allen Schichten, mittelständischen Unternehmern, Angestellten und Arbeitern zusammensetzten. Hierzu zählten aus dem Bereich der Wirtschaftsethik eine solide, nicht spekulative Unternehmensführung, angemessene Arbeitsbedingungen, gerechter Lohn. Die Ehe sollte als Schutzraum gewahrt werden. Ein Augenmerk galt den Frauen und Kindern, auf deren Rechte die Gemeindeleitung achtete. Arbeitslosen wurde eine Tätigkeit vermittelt, Kranke und Bedürftigen fanden Unterstützung. Aus heutiger Sicht wird die dabei ausgeübte „soziale Kontrolle“ oftmals kritisch gesehen. Sie bot jedoch speziell dem Prekariat soziale Sicherheit, hielt es allerdings auch davon ab, politisch sein Wohl eigenständig, etwa durch die Beteilung an Gewerkschaften, in die eigene Hand zu nehmen. Fragwürdig erscheint gleichfalls die Kritik der Freien evangelischen Gemeinden an der modernen Kultur, die indes intentional die Wahrung der Menschenwürde im Sinn hatte. Doch führte nicht selten eine Ablehnung innovativer Medien wie Theater, Presse, Kino sowie der Vorbehalt gegenüber sozialen Treffpunkten, wie Tanzlokalen, Diskotheken und Sportvereinen zu einem Mangel an Dialogbereitschaft im öffentlichen Raum. 

Hingegen trat unter dem Vorzeichen von Freiwilligkeit und Privatheit die Verbindlichkeit einer Sozietät in partieller Ergänzung, subsidiär zum Staat. Im diakonischen Bereich (u.a. Hilfs- und Unterstützungsvereine, diakonische Werke), Bildungsbereich (Sonntagsschule, Jugendorganisationen, Chöre, Bekenntnisschulen) sowie einem konkreten Emanzipations- und Integrationsangebot in einer sich wandelnden Welt (Mission) ergänzen freie evangelische Gemeinden partiell staatliche Aufgaben im Raum einer offenen Multioptionsgesellschaft, in der verschiedene Identifikationsangebote sozial, ökonomisch und kulturell miteinander kooperieren, aber auch konkurrieren. 

Von Anfang an bedeutete diese ambivalente Haltung der Freien evangelischen Gemeinde zu Staat und Gesellschaft eine Gratwanderung zwischen einer fremdbestimmten, maßgeblichen staatlichen Einwirkung und dem Abgleiten in eine Parallelgesellschaft bzw., soziologisch betrachtet, „Sekte“. 

Trotz ihrer anfänglichen Distanz zu politischen Richtungen, und erst recht zu Parteien, entwickelten die Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland einen Hang zum Wertekonservativismus und dessen Organismus-Gedanken. Eine Distanz besaßen sie dagegen zum Liberalismus, stärker noch zum Sozialismus. Dass dagegen der amerikanische Baptismus traditionell mit dem Liberalismus zusammenging und die britische Labour-Party methodistisch inspiriert war, kann hier nur am Rande erwähnt werden. Verwiesen sei nur darauf, dass sich die deutsche Demokratie im Vergleich zu den USA und Großbritannien später entwickelte. Eine Identifikation mit einem freiheitlichen Rechtsstaat musste sich noch durchsetzen.

Für die deutschen Freien evangelischen Gemeinden, in Einklang mit den meisten übrigen Freikirchen, waren weder die liberalen Parteien noch die Sozialdemokratie, noch das katholische „Zentrum“ Gruppierungen, hinter deren Gesellschaftszielen bzw. Visionen man stehen wollte. 

Aus diesem Hintergrund erklärt sich, dass das kirchenpolitische Konzept der „Weimarer Republik“ (1918-33), das dem freikirchlichen durch die Abschaffung einer privilegierten Staatskirche eigentlich hätte entsprechen müssen, von diesen eher
skeptisch aufgenommen wurde. Zu sehr waren die deutschen Freikirchen noch, wie die Landeskirchen, auf das obrigkeitsstaatliche, autoritäre System des Wilhelminismus festgelegt. 

Für den Staat konnte darum auch leicht das von den Nationalsozialisten propagierte „Führerprinzip“ akzeptiert werden. Die Freien evangelischen Gemeinden lehnten es jedoch, anders als die deutschen Baptisten, für die „Gemeinde der Gläubigen“ ab. 

Recht bald begriffen sie, dass die Kirchenfrömmigkeit Hitlers nur vorgetäuscht war. Der Staat wurde in dieser Zeit zunehmend als Bedrohung gefürchtet, apokalyptische Bilder hatten Konjunktur. Speziell gegen dessen totalitären Anspruch gab es Vorbehalte, die mental verfestigt waren.

Gegenüber der Verfolgungspolitik des NS-Staates, speziell dem eliminatorischen Antisemitismus, kam es zu keinem äußeren Widerstand. Hier und da gab es zaghafte Versuche Einzelner, verfolgte Juden vor dem Schlimmsten zu bewahren, doch verstiegen sich auch einige zu der schon im Kaiserreich geäußerten, perfiden Auffassung, dass die „Säuberungsmaßnahmen“ des Staates gar ein Vollzug des Gottesgerichtes sei. Auf der anderen Seite stehen geäußerte Meinungen, dass ein Staat, der Israel, als den „Augapfel Gottes“ (Sacharja 2,12), antastete, sich selbst und anderen das Gericht bereite. Der NSRassismus wurde von den führenden Theologen abgelehnt. Konrad Bussemer (1874-1944), der die Gemeindelehre nachhaltig beeinflusste, brachte es in einem Artikel in dem maßgeblichen Organ der Freien evangelischen Gemeinden, dem „Gärtner“ 1933 mit den Worten auf den Punkt: 

„Gnade fragt nicht nach der Rasse. […] Rassenstolz und Rassenhass kann nicht die Sache derer sein, die Gottes Kinder heißen.“

Den Artikel schloss er einem Zitat des Schriftstellers und Dichters Joseph Viktor von Scheffel (1826-1886):

„Gott behüt‘s vor Massenhass und Klassenhass und Rassenhass und derlei Teufelswerken.“2 

Da der Staat offenkundig Gottes Wort in der Bibel nicht achtete, wuchs in dieser Zeit die Distanz zu ihm. Gegenüber dessen antisemitischer Verschwörungsideologie erhielt sich im Verborgenen eine endzeitliche Hoffnungstheologie, die Juden auch als Heilsträger sah. Es blieb allerdings allenfalls bei einem passiven Widerstand in Form der Verweigerung oder eines inneren Vorbehaltes. Doch scheuten sich Gemeinden auch nicht davor, einzelne Geschwister jüdischer Herkunft aus der Gemeinschaft auszuschließen sowie aus bloßem Opportunismus an der Auflösung jüdischen Besitzes zu profitieren.

Nach dem Krieg fand der Bund Freier evangelische Gemeinden bedauerlicherweise zu keinem Schuldbekenntnis aller Gemeinden. Dieses wurde zwar von einigen prominenten Vertretern, allen voran Friedrich Heitmüller3 (1888-1965), gefordert, doch war die Mehrheit der Überzeugung, dass Schuld nur individuell begangen und bekannt sein könne. Wie sehr eine Schuld auch die Gemeinschaft betrifft, wurde nicht gesehen.

In der BRD und auch in der DDR war man bestrebt, sich am Staatsaufbau zu beteiligen, ohne jedoch die eigene Identität zu verlieren. Nur wenige Gemeindeglieder waren parteipolitisch aktiv. Wenn auch die Politik Konrad Adenauers und der CDU, besonders seine Versöhnungspolitik mit Israel und Frankreich, die Westanbindung, der Abwehr des Bolschewismus die Sympathien vieler Frei-Evangelischen besaß, behielt man gegenüber Parteipolitik eine gewisse Reserve. Die Gründung des Staates Israels und seine Entwicklung interpretierten viele als Erfüllung göttlicher Verheißung. Auf der anderen Seite sahen nicht Wenige im Westen in der Sowjetunion das Reich des Bösen, ein Feindbild, das sich nach der Auflösung des „Ostblocks“ noch verbreitet auf die islamisch-arabische Welt transformierte. Indes besaß die Bundesgemeinschaft gegenüber Endzeitvorstellungen, die eine Verschwörungstheorie beinhaltete, eine erhebliche Distanz. Zu dem Wort Gottes in der Schrift sollte es keine dogmatisierten Zukunftsauslegungen geben.

Der Vorbehalt gegenüber politischem Engagement löste sich in den 1970er Jahren im Zuge der Reformbewegungen auf, so dass seitdem auch kontroverse Themen in den Gemeinden diskutiert werden.

Freilich stehen die moralischen bzw. sozialethischen Themen im Fokus, darunter die Themen, denen sich der Gesprächskreis für soziale Fragen widmet: Schutz des Lebens, Schwangerschaftsabbruch, Leiderfahrung, Sterbebegleitung, Euthanasie, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, Widerstand gegen Rassismus, Einsatz für die religiöse Bildung an Schulen, Elternrecht, Familie, Gendergerechtigkeit, Entwicklungszusammenarbeit, Völkerverständigung, Bewahrung der Schöpfung u.v.m. 

Nicht zufällig stiftete der frei-evangelische Unternehmer Klaus Tesch (Wuppertal-Vohwinkel) den Max Weber Preis für Wirtschaftsethik, der im zweijährigen Turnus an Wissenschaftler vergeben wird, die sich um den Dialog von Wissenschaft und Ethik verdient gemacht haben.

Die Berührungsängste gegenüber staatlicher Verwaltung, Parteien, bürgerlichen Initiativen, Vereinen und vor allem den Mitkirchen sind einer zunehmenden Kooperationsbereitschaft gewichen.

 


1 Zur Forschungslage, die an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden kann, siehe: Wolfgang E. Heinrichs: Freikirchen – eine moderne Kirchenform, Gießen ²1990; Erich Geldbach: Freikirchen, Göttingen ²2005; Karl Heinz Voigt: Freikirchen in Deutschland (19. und 20. Jahrhundert). Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2004; Hartmut Weyel: Evangelisch und frei. Geschichte des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland, Witten 2013. 

2 Der Gärtner 19/1933, S. 364-366., zitiert nach Hartmut Weyel: Anspruch braucht Widerspruch. Die Freien evangelischen Gemeinden vor und im „Dritten Reich“, Witten 2016; S. 501.

3 Ein solches legte zuletzt stellvertretend die Bundesleitung im Rahmen eines Bundestages am 13. September 2014 ab. https://feg.de/wp-content/uploads/2019/10/20140920-BFeG-Bundesleitung-SchuldbekenntnisNationalsozialismus.pdf. Über die Aktualität des in der christlichen Tradition tief verwurzelten Antisemitismus siehe das Interview mit Andreas Heiser in: Christsein Heute Juli/August 2021. 

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Fragen für ein Gruppengespräch

  1. Welche Chancen für ein christliches Engagement sehe ich in einem pluralistischen Staat?
  2. Welche Berührungsängste sind aus der Geschichte erkennbar, welche evtl. auch heute noch erkennbar?
  3. Inwieweit können Glaubende Staat- und Gesellschaft auch kritisch sehen?
  4. Viele Wertvorstellungen sind einem geschichtlichen Wandel unterworfen. Welche sind als bleibend gültig zu behaupten?
  5. Inwieweit können historische Erfahrungen Verschwörungstheorien, wie dem Antisemitismus, entgegenwirken?

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Eine ganze Ausgabe der bekannten FeG-Zeitschrift zum Thema Demokratie! Die Bundestagswahl 2021 mit der spannenden Aufgabe, eine Nach-Merkel-Ära zu formen, gab einen passenden Zeitpunkt dazu. Es kommen sowohl wichtige FeG-Stimmen als auch Politikbeauftragte aus Berlin zu Wort. Deutlich wird in dieser Ausgabe, dass christliche Gemeinden nicht nur von der Demokratie profitieren, sondern auch ermutigt sind, sie mitzugestalten.

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Das Evangelium Gottes von Jesus Christus

Zum Verständnis des Evangeliums in Freien evangelischen Gemeinden

„Auf das Evangelium kommt es an!“ Mit diesem schlichten Satz beginnt der Grundlagentext der Erweiterten Bundesleitung des Bundes Freier evangelischer Gemeinden.

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Umkämpfte Demokratie | Die Arbeitsgruppe

Von links nach rechts:

Konstantin von Abendroth
Pastor im Bund FeG, derzeit Beauftragter der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF) am Sitz der Bundesregierung, Berlin

Wolfgang Thielmann
Theologe, ehemaliger Pressesprecher der Diakonie Deutschland, freier Publizist und Autor der Wochenzeitung DIE ZEIT, Bonn

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Theologe und Ethiker, Pastor im Bund FeG, derzeit Lehrer an einer Gesamtschule, Burscheid

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Politikwissenschaftlerin, Mitarbeiterin im Büro des Beauftragten der VEF am Sitz der Bundesregierung, Berlin

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Pastor im Bund FeG, hauptamtlicher Lehrbeauftragter für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach, Würzburg

Stephan Zänker
Studium der Geschichte, Germanistik und Medienwissenschaft, Geschäftsführer des Weimarer Republik e.V., Mitglied der Gemeindeleitung der FeG Erfurt, Erfurt